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DDR-Aufarbeitung «gescheitert«
Kritik an Informationsdefizit an den Schulen
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Uwe Hillmer aus Berlin
spricht vor Schülern des
Sigmund-Schuckert-Gymnasiums.
Foto: Ralf Rödel
NÜRNBERG - Die gründliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte in den Schulen
könnte nach Ansicht von Uwe Hillmer, Vorstand des Stasi-Museums an der
Normannenstraße in Berlin, einen wichtigen Beitrag zur Demokratie-Erziehung
leisten.
Tatsächlich gebe es dort aber ein wachsendes Informations-Defizit.
Dies führe zu einer zunehmenden «Unterschätzung« dieser deutschen Diktatur.
Hillmer, der vor Schülern einer neunten und zehnten Klasse im Sigmund-Schuckert-Gymnasium sprach, registriert eine schleichende Verharmlosung des «Terror«-Systems, das bis 1989 im Osten Deutschlands herrschte, nach dem Motto: Vielleicht war es in der DDR mit der Demokratie nicht allzu weit her, dafür gab es aber dort die sozialen Probleme des Westens nicht. «Bei der Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte sind wir bisher grandios gescheitert.«
Menschenrechte als Maßstab
Der Wissenschaftler warnte davor, es bei einer Abwägung des Für und Wider völlig den Schülern zu überlassen, wie sie am Ende die DDR beurteilen. «Der einzige Maßstab können nur die Menschenrechte oder die Werte des Grundgesetzes sein«, betonte der Gast der Schule, «und die wurden von der Führung der DDR mit Füßen getreten.«
Für Uwe Hillmer geht es dabei nicht nur um die Behandlung eines geschichtlichen Ereignisses, sondern um aktuelle Fragen.
«Wer die niederträchtigen Methoden des DDR-Systems nicht versteht,
ist auch weniger gut gewappnet für Angriffe auf unsere Demokratie.«
Besonders unter Schülern ist aber seiner Erfahrung nach die Haltung verbreitet: Das ist nichts, was uns noch groß was angeht.
Unter anderem am Beispiel der Zulassung zum Abitur machte der Experte deutlich, mit welchen Instrumenten der Unterdrückung die Machthaber der DDR arbeiteten. Der Wunsch der Eltern oder die Leistungen eines Schülers waren für den Erwerb eines hohen Schulabschlusses völlig bedeutungslos. Zunächst, so Hillmer, zählte der vom ostdeutschen Staat aufgestellte Plan, dass zwei Schüler jeder zehnten Klasse als Abiturienten gebraucht werden. Die Betroffenen wurden dann zum Abi «delegiert«, wie es offiziell hieß. Hinzu kamen politisches Wohlverhalten und eine positive Beurteilung der Stasi als Zugangsvoraussetzung.
Angst, Anpassungsdruck und Arbeitslager
«Das bedeutete aber nicht, dass jeder, der seine Klappe zu weit aufriss, kein Abitur machen durfte«, erzählte Hillmer, «die SED drängte bei Bedarf sogar darauf, etwa gerade den Sohn eines kritischen Pfarrers Abitur machen zu lassen, weil sich die Gemeinde dann sagte: Wenn der zugelassen wird, arbeitet der Vater bestimmt mit der Stasi zusammen.
Die Folge war dann, dass die Kirche am Sonntag leer war. Und genau das wollte die SED erreichen.« Angst, Anpassungsdruck und, wenn es als notwendig erachtet wurde, Arbeitslager auch für Jugendliche und der Missbrauch gesammelter Informationen sowie der SED-Maßstab «Machterhalt geht vor Recht« gehörten zu den Grundzügen des Systems.
Die Schuckert-Schüler waren zum Teil erstaunt, wie «schlimm« das alles war.
Sie wünschten sich eine intensivere Behandlung dieses Themas im Unterricht.
«Das interessiert doch mehr als das, was im Jahr 1000 vor Christus passiert ist.«
Michael Kaperowitsch
7.7.2009
Quelle: http://www.nn-online.de
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13.09.2009 · 12:30 Uhr
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Alltag in der DDR:
in der Schlange stehen
(Bild: AP)
Erschreckende Wissenslücken
Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder:
"Oh wie schön ist die DDR"
Rezensiert von Josef Schmid
Schülerinnen und Schüler wissen offenbar nicht viel über die Diktatur im Osten Deutschlands.
Der Band "Oh wie schön ist die DDR" ist ein Bericht über verklärende Anekdoten, über Eltern,
Lehrer und andere Geschichtsverdreher.
Man kann die Nervosität nachfühlen, die die Verantwortlichen für politische Bildung, Schulamtsleiter, Lehrerinnen und Lehrer der Sozialkunde ergriffen hat, als sie aus einer Studie erfuhren, dass ein erheblicher Teil von Schülern in West und Ost zu Fragen, was denn die DDR war, die merkwürdigsten Antworten gaben. Ein Drittel bis zur Hälfte der befragten Schüler konnten beim Vergleich Bundesrepublik und DDR nicht klar Demokratie und Diktatur auseinander halten. Sie haben zu wenig Kenntnisse von Systemen und ihrem jeweiligen Verhältnis zur menschlichen Freiheit. Sie weichen aus auf die unterschiedlichen Konsummöglichkeiten dort wie da: Einkaufen, Autos, Reisefreiheit da, günstige Mieten und soziale Rundum-Versorgung dort.
Ein Begriff von politischem System und seine tief reichenden Konsequenzen in Menschenbild, Daseinsform und politischer Ordnung ist kaum vorhanden.
Ist es Mangel an politischer Bildung? Oder ist eine Generation unpolitischer Zyniker herangewachsen, die über das, was für die Elterngeneration noch bestimmend gewesen war, der Ost-West-Konflikt, lächelnd und achselzuckend hinweggeht?
Den Autoren gelingt es, die erdrückende Materialfülle, welche die Erstveröffentlichung dieser Studie erbracht hatte, die Reaktionen auf Ergebnisse, Zuschriften und Kommentare zu durchforsten und dabei auf zentrale Phänomene zu stoßen. So fällt es Menschen schwer, das eigene Leben und seine äußeren politischen Umstände voneinander zu trennen und jeweils verschiedene Maßstäbe anzulegen:
"Die Lebensleistung des Einzelnen wird dem System gutgeschrieben, die negativen Seiten der DDR werden banalisiert oder marginalisiert. Jedes System habe Vor- und Nachteile, Stärken und Schwächen, die DDR ebenso wie die Bundesrepublik, so lässt sich die Position zusammenfassen."
Nachdem gelebtes Leben im Vordergrund steht und nicht angreifbar ist, bekommt unterschwellig und automatisch das politische System einen positiven Anstrich, eine Rechtfertigung. Hier hat offenbar die Zeit, die seit dem Mauerfall verstrichen ist, einiges geändert. Die Vergleichsfolie, wie die Autoren sagen, war früher der Westen; nun scheint sie heimgekehrt. Ist die DDR plötzlich die gute alte Zeit?
"Die ostdeutschen Kommentare zeigen deutlich, wie sich die bundesrepublikanische Gesellschaftsordnung, die zu DDR-Zeiten für sehr viele eine positive Vergleichsfolie zur DDR war, nun zu einer negativen entwickelt hat. Aus den Erfahrungen der letzten 19 Jahre ziehen offenbar viele Ostdeutsche den Schluss, die DDR sei nicht so schlecht gewesen, wie sie es Ende der 80er-Jahre empfunden hätten."
Von da ist es zur Geringschätzung einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft und zur Verharmlosung der sozialistischen Diktatur nicht mehr weit; denn Diktaturen kennen Schüler zu beiden Seiten nicht mehr. Freiheit ist auch nicht mehr ein begehrtes, vorenthaltenes Gut, sondern eine Selbstverständlichkeit, in die sie hineingeboren wurden. Anders lassen sich solche Ergebnisse nicht erklären:
Die zentralistische Planwirtschaft wird nur von einem Viertel der ostdeutschen Schüler und nur von der Hälfte der westdeutschen abgelehnt. Da bleibt eine enorme Zustimmung zu dem, was eine halbe Welt verheert hat.
Die Hälfte hält sogar die SED "legitimiert durch demokratische Wahlen".
Westdeutsche Schüler denken bei Stasi mehr an "Agentengeschichten à la James Bond" und nur die Hälfte der ostdeutschen wusste, dass die Stasi mehr war als ein üblicher Geheimdienst.
Die Autoren haben keine Scheu, bösartige Kritik an ihrer Studie einzufügen. Doch auch die nüchternen Kommentare des Leserpublikums machen traurig:
"Mit dem Fall der Mauer wurden die Bürger ins kalte Wasser geworfen. Die Familien wurden auseinander gerissen, weil die jungen Leute sich im Westen Arbeit suchen müssen. Die Arbeit ist stressiger und verlangt Leistung. Arbeit zu bekommen, ist Glückssache. Die Medien mit ihren Berichten zu Reichtum und Armut tun das Übrige und was bleibt, ist die Erinnerung an sorglose Zeiten."
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Oh wie schön ist die DDR
(Bild: Wochenschau Verlag)
Welche Gedanken kommen einem eigentlich bei der Lektüre dieses Buches - eines Buches voll gegenwärtiger Alltagsrealität. Aus ihm springen einen die inneren Defizite einer nur nach außen hin gelösten nationalen Frage an. Sie kommen hier wörtlich zum Vorschein. Es fehlte hier die große Konzeption nationaler Wiederfindung und Versöhnung. Europa- und Freiheitsbeschwörungen konnten das nicht aufwiegen.
Den Westdeutschen wurden die Reparaturkosten einer bankrotten zentralistischen Befehlswirtschaft verschwiegen, den Ostdeutschen wurden die Tücken des westlichen Liberalismus nicht ausreichend erklärt. Denn sie bekamen es mit der guten alten sozialen Marktwirtschaft gar nicht mehr zu tun. Längst waren der Globalismus und Imperialismus der Finanztransaktionen angebrochen und hatten die deutsche Arbeits- und Leistungsgesellschaft des Ludwig Erhard, die den Einzelnen noch brauchte, untergepflügt.
Wie heißt es doch so schön in einem Beitrag?
"Das Einzige, was im Osten wirklich funktioniert hat, waren die Menschen, die mit Fleiß und Wissen trotz Sozialismus zumindest innerhalb des Ostblocks den höchsten Lebensstandard erreicht hatten."
Es muss einen menschlichen Neuanfang geben statt eines rein ökonomischen, verwaltungstechnischen oder eines bloßen Herumdokterns an der politischen Bildung. Das Werk der beiden Schroeder würde dazu reichlich Stoff liefern.
Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: "Oh wie schön ist die DDR"
- Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie
Wochenschau Verlag 2009
205 Seiten
. . . hier ist der Hörbeitrag
Lesart 13.09.2009
Sendezeit: 13.09.2009 12:30
Autor: Christian Rabhansl
Programm: Deutschlandradio Kultur
Sendung: Lesart
Länge: 29:25 Minuten
Text zum Beitrag: Kurz und kritisch
Quelle: http://www.dradio.de
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