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GESCHICHTE: Briefe in die DDR
Die Stasi sorgte sich, dass die Post der Ausgereisten
das Bild vom Klassenfeind ins Wanken bringt
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Dokumente der MfS-Postüberwachung.
Foto: dpa
FRANKFURT(ODER) - „Wir bleiben im Westen. Das ist für uns die einzige Möglichkeit, aus der DDR rauszukommen“, schrieb ein Ehepaar im Sommer 1989 an die bis dato offenbar ahnungslosen Verwandten im Osten. Die beiden hatten eine genehmigte Reise „wegen dringender Familienangelegenheiten“ in die Bundesrepublik zur Flucht genutzt. Sie nahmen dafür auch in Kauf, dass sie ihre beiden Söhne in der DDR zurücklassen mussten. Vorsorglich hatten sie ihrem Brief aus dem Westen zwei Ausreiseanträge für die Jungen beigelegt.
Kopien dieses Schreibens fanden sich in Akten des Ministeriums für Staatssicherheit. „Solche Briefe waren für den DDR-Geheimdienst von besonderem Interesse. Ging es hierbei doch um die sogenannten Rückverbindungen in den Osten“, sagt Rüdiger Sielaff, Leiter der Frankfurter Außenstelle der Birthler-Behörde.
„So nah wie in Briefen kamen die Spitzel sonst nie an die Leute heran, denn hier offenbarten die Absender ihre ureigensten Gedanken.“ Wem also schrieben die legal Ausgereisten, aus der DDR-Haft Freigekauften oder Geflüchteten? Was berichteten sie vom „Klassenfeind“ und vor allem – wen inspirierten sie damit? Wenn der Verfasser vor dem Risiko einer illegalen Flucht warnte, weil „wenn etwas schief geht, seid Ihr ein paar Jahre weg vom Fenster“, so war das für die Stasi äußerst aufschlussreich, ebenso wie die genaue Beschreibung von Fluchtwegen.
Die Briefverfasser hatten laut Sielaff unterschiedliche Hintergründe – die Sehnsucht nach Freiheit zieht sich jedoch durch alle Schreiben wie ein roter Faden. „Wenn auch Ihr es in die Freiheit geschafft habt, zeige ich Euch die Welt“, verspricht ein Mann seiner Familie. „Wir haben viel Spaß, die Leute hier sind einfach freier“, schreibt eine mit Hilfe ungarischer Fluchthelfer ausgereiste Frau an ihre Eltern. „Das Leben kann so schön sein“, schwärmt ein anderer Briefeschreiber.
Für Sielaff war die Sichtung dieser Dokumente aus der Post-Kontrolle der Stasi „emotional und beeindruckend“. Erinnerten sie den 51-Jährigen doch an die eigene Ausreise Mitte der 1980er Jahre. Damals war er mit seiner Frau von Magdeburg aus in den Westen gegangen, wo bereits ein Großteil seiner Familie lebte. „Ich erkenne mich selbst wieder, wir haben ebensolche Briefe an die im Osten zurückgelassenen Eltern meiner Frau geschrieben“, sagt er.
Dass die Stasi Briefe aus dem Westen kontrollierte, war vielen der Flüchtlinge klar, bestätigt Sielaff. „Man musste sich genau überlegen, was man schrieb, um die Empfänger nicht zusätzlich in Gefahr zu bringen.“ Vielfach hätten die Absender fingierte Adressen benutzt und die Briefe nicht direkt an den Empfänger geschickt. Auch das wurde von der Stasi akribisch vermerkt. „Gib den Brief bitte meiner Frau – aber äußerste Vorsicht, sie soll ihn nach dem Lesen gleich verbrennen“, warnte ein ausgereister Mann in dem Schreiben an einen Bekannten in der DDR. So mancher Brief hat den Empfänger allerdings gar nicht erst erreicht.
Das Kürzel „K“ wie „konfisziert“ hatten die MfS-Postschnüffler beispielsweise in den Akten zu einem Schreiben notiert, dass ein junges Mädchen Mitte der 1980er Jahre an zurückgelassene Klassenkameraden schickte. „Ich habe gemerkt, was Freiheit bedeutet: Die Menschen hier sind total locker. Die Klassenfahrt machen wir nach Holland...“, schreibt „Netti“ und die Begeisterung über die neue Heimat ist förmlich spürbar. Die sollte sich nach Ansicht der Stasi aber nicht auf die Adressaten übertragen. „Das MfS befürchtete, mit solchen Informationen würde das Bild vom Klassenfeind zusammenbrechen. Es passte nicht in die DDR-Ideologie“, erklärt Sielaff.
Seiner Ansicht nach lässt sich DDR-Geschichte anhand dieser Briefe sehr gut nachvollziehen. „In den 70er und auch noch in den 80er Jahren waren die Schreiben nicht nur euphorisch, sondern auch tieftraurig, weil die Ausreise in den Westen quasi einen Abschied für immer von den Zurückgelassenen im Osten bedeutete.“ In den späten 80ern hingegen schwang die Hoffnung mit, dass die Mauer nicht mehr lange ein Wiedersehen mit Freunden und Verwandten im Osten verhindern würde.
„Auch eine Grenze kann unsere Freundschaft nicht zerstören. Ich glaube fest daran, dass wir uns wiedersehen“, heißt es in einem Brief. Bedeutsam seien diese Dokumente auch, weil sie einerseits verdeutlichen, wie radikal die deutsch-deutsche Teilung war und andererseits, wie nah sich die Menschen zu beiden Seiten der Mauer doch blieben, so Sielaff.
(Von Jeanette Bederke)
Die Stasi brach das Post- und Fernmeldegeheimnis:
In der DDR-Verfassung hieß es, dass das Post- und Fernmeldegeheimnis „unverletzbar" sei. Das hielt die Stasi jedoch nicht davon ab, den Brief- und Paketverkehr flächendeckend zu überwachen.
Die Stasi-Kontrolleure lauerten in Hinterzimmern der Briefverteilzentren in den Bezirksstädten. Was besonders verdächtig erschien, wurde in die MfS-Bezirksverwaltungen zur weiteren Bearbeitung mitgenommen.
Als Postmitarbeiter getarnt, plünderten Stasi-Beschäftigte
selbst öffentliche und sogar private Hausbriefkästen.
Täglich wurden so im ganzen Land etwa 90 000 Briefsendungen
kontrolliert und ausgewertet.
Möglich wurde diese Massenkontrolle durch spezielle Maschinen, mit denen sich pro Stunde bis zu 800 Briefe öffnen und auch wieder verschließen ließen. Verantwortlich dafür war die MfS-Abteilung M, die als einer der ältesten Stasi-Bereiche bereits 1950 gegründet und mit Mitarbeitern der Hauptabteilung II - zuständig für die Spionageabwehr - besetzt war.
Briefe aus dem Westen und in das nichtsozialistische Ausland wurden zunächst von der Stasi unter die Lupe genommen. Mit Beginn der 1970er Jahre dehnte das Mielke-Ministerium die Überwachung auf den Postverkehr auch innerhalb der DDR aus.
jb
Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de
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