Spannungen zwischen Archivaren und Journalisten
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Spannungen zwischen Archivaren und Journalisten
"Welt"-Redakteur Sven Felix Kellerhoff beim
69. Südwestdeutschen Archivtag in Münsingen
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Moderator Rainer Nübel und "Welt"-Redakteur
Sven Felix Kellerhoff versuchten zusammen mit
Dr. Peter Müller (v.l.) das Verhältnis zwischen
Archivaren und Journalisten zu ergründen.
Foto: Norbert Leister
Ob Journalisten und Archivare wirklich nicht miteinander können?
Es gibt auf jeden Fall Vorurteile, wie am Freitagabend beim
Südwestdeutschen Archivtag in der Münsinger Zehntscheuer
deutlich wurde.
NORBERT LEISTER
Münsingen Offensichtlich mögen sich Archivare und Journalisten nicht besonders. Knapp 100 Personen der zuerst angeführten Gattung waren zum Teil schon am Donnerstag nach Münsingen angereist, wie Bürgermeister Mike Münzing bei der Auftaktveranstaltung am Freitagabend in der Zehntscheuer bemerkte. Aus Österreich, der Schweiz, sogar aus Frankreich, aber zumeist aus dem Süden der deutschen Republik kamen sie in den vermeintlich kleinen und unbedeutenden Ort auf der Schwäbischen Alb. "Der Tagungsort ist ja verkehrstechnisch nicht unbedingt optimal erreichbar", sagte der geschäftsführende Präsident des Archivtags, Dr. Peter Müller.
Dass Münsingen dennoch einiges zu bieten hat, musste der Bürgermeister eigentlich gar nicht mehr erwähnen. Vor der Veranstaltung am Freitagabend waren schon einige Archivare in Buttenhausen gewesen, auf einer Rundfahrt über den einstigen Truppenübungsplatz und auch beim Stadtspaziergang durch Münsingen. Man begegne hier ja sozusagen auf jedem Meter bedeutender Geschichte, sagte Münzing. Dem 69. Archivtag wünschte er einen guten Verlauf und: "Ich hoffe, dass die Archivare durch den Fachtag vielleicht die Öffentlichkeit ein wenig mehr an ihrer Arbeit teilhaben lassen."
Das Thema des Archivtags lautete nämlich "Archive und Medien". Offensichtlich ein brisantes Thema, zumindest deuteten die Bemerkungen so mancher Archivare am Freitagabend darauf hin. "Sie haben hier regelrecht paradiesische Zustände mit informierten Journalisten geschildert, die gibt es aber nur zu selten, die meisten muss man sich erst mal erziehen", sagte eine Archivarin aus dem Saarland zu Sven Felix Kellerhoff, dem Stargast dieses Abends. Der leitende Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der "Welt" und der "Berliner Morgenpost" war für Stefan Aust eingesprungen. Den hatte wiederum Dr. Müller "einen begnadeten Reiter" genannt, "der ist vom Pferd gefallen und kann nicht kommen".
Kellerhoff hat sich intensiv mit Karl-Heinz Kurras befasst. Vor kurzem erst war herausgefunden worden, dass Kurras ein Stasi-Spitzel war. "Ich kann mich noch genau erinnern, an Christi Himmelfahrt bekam ich um 18 Uhr 29 eine E-Mail mit genau diesem Inhalt", sagte der "Welt"-Redakteur vor rund 50 Interessierten in der Zehntscheuer. "Seitdem habe ich jeden Tag an dem Fall gearbeitet." Meterweise Aktenstudium aus dem Archiv der Birthler-Behörde liegen hinter ihm, mit dem Ergebnis: "Es war ein Skandal, wie dort zum Teil gearbeitet wird." Und: "Ich glaube, dass der Fall Kurras viele Überzeugungen über die damalige Zeit ins Rutschen kommen lässt."
Dass der 69. Archivtag sich des Themas Medien angenommen hat, kam nicht von ungefähr. Das Verhältnis zwischen Archivaren und Journalisten scheint nicht ganz unbelastet zu sein: Tauchen die Medien in den Archiven auf, ärgern sich viele Archivare über die Unwissenheit der Rechercheure, wie man sich in einem Archiv zu verhalten hat. Und die Journalisten reagieren oftmals "säuerlich", so Kellerhoff, wenn ihnen geheime Unterlagen vorenthalten werden.
"Ist es nicht so, dass man als Journalist immer wieder genau vor jenen Türen auftaucht, die geschlossen sind?", fragte Rainer Nübel, Journalist bei den Stuttgarter Nachrichten und Moderator des Freitagabends. Damit wurde ein ganz anderes Fass aufgemacht, nämlich das der geheimen Akten, wie etwa über die RAF, für die es immer noch keine eindeutigen Regeln gebe, wann sie der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden müssen. "Eine gesetzliche Regelung müsste kommen", forderte Müller. Zu hoffen bleibt, dass der 69. Archivtag mit seinem umfangreichen Informationsprogramm am vergangenen Freitag und Samstag das Verhältnis zwischen Journalisten und den Archivaren ein wenig entspannt. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht nötig, denn wie hatte Kellerhoff gesagt? "Das Wichtigste an der Archivrecherche ist, ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zum Archivar zu bekommen."
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Erscheinungsdatum: Montag 22.06.2009
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