Über den Schaden, den IM angerichtet haben
![[image]](http://www.volksstimme.de/_img/vsm/vs_logo_li.gif)
15. Forschungsheft zur Stasi vorgesellt
Über den Schaden, den IM angerichtet haben
Wolfgang Schulz
Magdeburg. Die Frage wirkte ein wenig deplatziert angesichts einer 600
Seiten umfassenden Dokumentation, um die es an diesem Montagabend
in der Magdeburger Gedenkstätte am Moritzplatz ging.
Ein ehemaliger Chefarzt im Kreiskrankenhaus Gardelegen stellte sie, nachdem Ulrich Mielke einige einführende Worte zu seinem 15. Forschungsband über die Untaten der Stasi im Gesundheitswesen des Kreises Gardelegen gesagt hatte.
"Wissen Sie", so fragte der Mann, "ob ein Schaden entstanden ist?"
Er sei erschüttert darüber, dass zwei seiner engsten Mitarbeiter als Stasi-Spitzel gewirkt hätten. Gerade der als IM "Professor Ernst" enttarnte Oberarzt habe als sehr vertrauenswürdig gegolten. Man habe immer gut zusammengearbeitet. "Welchen Schaden haben die angerichtet?", fragte er noch einmal.
Die Antworten ließen nicht auf sich warten. Sie kamen von Jörg Stoye, Leiter der Magdeburger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, von Mielke und von Stasi-Opfern unter den Zuhörern und waren übereinstimmend von der Aussage geprägt, dass Stasi-Spitzel Schaden angerichtet haben. "Die Inoffiziellen Mitarbeiter waren Teil des politischen Systems, das auf Angst aufgebaut war", sagte Stoye. Viele Menschen, die in die Fänge der Stasi geraten waren, hätten heute noch Angst.
In dem Forschungsheft würden nicht die fachlichen Leistungen von Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens kritisiert, sondern deren Moral. Im Kreis Gardelegen habe es im Gesundheitswesen 30 operative Personenkontrollen gegeben, an denen IM beteiligt waren und die auch zu Verhaftungen geführt hätten.
IM trug zur Verhaftung eines Menschen bei Mielke konnte aus den Stasi-Akten einen ganz konkreten Fall zitieren. Dabei handelte es sich um den IM "Ulf Steinfeld", einen Facharzt für Sozialhygiene, der als Kreisarzt tätig war. Am 21. Juli 1987 schrieb ein Oberstleutnant der Stasi: "Der IMS hat durch eine gute und disziplinierte Arbeit dazu beigetragen, dass der OV mit Haft abgeschlossen werden konnte." Der Operative Vorgang (OV) wurde also ganz offensichtlich mit der Verhaftung eines Menschen beendet.
Der sehr vertrauenswürdige Oberarzt, so Mielke weiter, habe Handtaschen seiner Mitarbeiter durchsucht, Schlüssel entwendet und durch die Übertragung von Aufgaben bis nach 19 Uhr dafür gesorgt, dass die Stasi in Ruhe Wohnungen "verwanzen" konnte. "Das ist nicht im Sinne der ärztlichen Berufsauffassung", so Mielke.
Eine erschütternde Antwort auf die Frage nach dem Schaden gab Marietta Jablonski. Die querschnittsgelähmte gebürtige Magdeburgerin war mit ihrem Mann extra zu dieser Veranstaltung aus Hannover angereist. Die heute 62-Jährige war 1971 wie ihr Mann unschuldig verhaftet worden. Die Stasi warf ihnen vor, in Briefen gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag und gegen Missstände in der DDR protestiert zu haben.
Ärzte lieferten Details für eine Erpressung
Wie aus den Akten hervorgeht, haben mehrere Ärzte der Medizinischen Akademie Magdeburg und aus den Pfeifferischen Stiftungen als IM detailliert über ihren Gesundheitszustand der Stasi berichtet. Mit dem Wissen, dass die gelähmte Frau eine langjährige Haft nicht lebend überstehen würde, erpresste die Stasi ein Geständnis von dem Ehemann. Siegfried Jablonski nahm alle Schuld auf sich und wurde wegen staatsfeindlicher Hetze zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Bundesregierung kaufte ihn später frei. 1992 wurde das Ehepaar rehabilitiert.
Die Geschichte sei aber immer noch nicht zu Ende, berichtete Marietta Jablonski. "Am 28. November 2008 hat mich mein ehemaliger Vernehmer von der Stasi angerufen und sich beschwert, dass ich die Unwahrheit sagen würde." Er habe sie zum Schweigen bringen wollen und mehrmals gesagt, dass er heute noch Waffenträger sei.
Eine Brücke zur Gegenwart schlug auch eine Mitarbeiterin aus dem Maßregelvollzug Uchtspringe. "Bei uns arbeitet der im Forschungsheft genannte IM, Ulf Steinfeld‘, wie sollen wir mit ihm umgehen?", fragte sie. Er sei auch als Schöffe am Amtsgericht tätig und habe erklärt, er werde juristisch gegen die Veröffentlichungen in dem Forschungsheft vorgehen.
Das könne er gern machen, antwortete Mielke. Er habe lediglich aus den Stasi-Akten zitiert. "Die Wahrheit ist immer konkret", so Mielke.
In diesem Zusammenhang wurde darüber diskutiert, dass heute immer noch viele ehemalige Spitzel in Amt und Würden seien. "Diese Leute gehören nicht in die erste Reihe", sagte Hannelore von Baehr, Ratsmitglied in Gardelegen. Sie werde deshalb erneut einen Antrag stellen, damit alle Gemeinderäte auf eine eventuelle Stasi-Vergangenheit überprüft werden. "Leider bin ich mit so einem Antrag schon mehrfach gescheitert", sagte sie.
Unterstützung fand sie bei Stoye.
"IM gehören vom Grundsatz her nicht in den öffentlichen Dienst", sagte er.
Viele, die in der DDR anständig waren und unter der Stasi gelitten
hätten, seien heute arbeitslos. Dafür würden frühere IM vom Staat
bezahlt. "Das ist ein Unding", so Stoye.
Für die Unterstützung der Forschungsarbeit von Mielke warb dessen ehemaliger Kollege Klaus Kramer. Aus gesundheitlichen Gründen könne er nicht mehr mitarbeiten. Die Aufklärung durch Mielke sei aber so wichtig. "Es ist als ob man in einem Sumpf stochert, man findet keinen Grund", sagte Kramer. Deshalb müsse die Arbeit fortgesetzt werden.
Sachsen-Anhalt: Mielke stellt 15. Heft über Stasi-Spitzel vor
[ document info ]
Copyright © Volksstimme.de 2009
Dokument erstellt am 24.06.2009 um 08:27:23 Uhr
Erscheinungsdatum 24.06.2009
Quelle: http://www.volksstimme.de
,.-
gesamter Thread:
- Stasi-Spitzel in Weiß ohne Gewissenskonflikte - Tom Moak
, 21.06.2009, 19:08 ![in Board-Ansicht öffnen [Board]](img/board_d.gif)
![in Mix-Ansicht öffnen [Mix]](img/mix_d.gif)
- Ulrich Mielke stellt 15. Heft über Stasi-Spitzel vor - Tom Moak
, 24.06.2009, 17:02- Über den Schaden, den IM angerichtet haben - Tom Moak
, 24.06.2009, 17:16
- Über den Schaden, den IM angerichtet haben - Tom Moak
- Nach Veröffentlichung Stasi-Arzt suspendiert - Tom Moak
, 04.07.2009, 15:47
- Ulrich Mielke stellt 15. Heft über Stasi-Spitzel vor - Tom Moak
Mix-Ansicht