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An der Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit

verfasst von Tom Moak(R), 05.08.2009, 18:04

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GEDENK-PROJEKT


Nahtstelle der Erinnerung


An der Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit — die Point-Alpha-Stiftung sieht ihre Geschichtsarbeit als Zukunftswerk.
VON UTA THOFERN

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FRONTLINIE:
Zwischen Thüringen und Hessen, nahe dem kleinen Ort Geisar,
standen sich im Kalten Krieg die feindlichen Mächte gegenüber.
Heute kann man hier aus der Vergangenheit lernen.

Foto: ARI




Die Stars and Stripes, die im US-Beobachtungsposten aufgezogen sind, im Rücken, vor Augen die innerdeutsche Grenze mit ihren mörderischen Sperranlagen und im Kopf die allgegenwärtige Gefahr eines Angriffs: So haben die amerikanischen Soldaten hier, auf einer windigen Kuppe der Rhön, über Jahre, Jahrzehnte hinweg ihren Dienst versehen. 24 Stunden Alarmbereitschaft, 365 Tage im Jahr. In den Stiefeln schlafen und wissen, wenn der eine, der echte Alarm kommt, ist das der Beginn des Dritten Weltkriegs – und der Anfang vom kurzen Ende des eigenen Lebens.

Hier im US Observation Post Alpha, kurz OP Alpha, ging es um alles. Die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik markierte die Trennlinie zwischen Freiheit und Unfreiheit. Die Nato ging in ihren Krisenszenarien davon aus, dass ein Angriff des Warschauer Pakts mit seiner konventionellen Überlegenheit an dieser Stelle am wahrscheinlichsten wäre. Die DDR reichte hier im sogenannten Fulda Gap am weitesten in die Bundesrepublik hinein, ohne Gegenwehr wäre Frankfurt mit seinen wichtigen Militärbasen in wenigen Stunden erreichbar gewesen; innerhalb von 48 Stunden hätten sowjetische Panzer am Rhein stehen können – das Aus für die Freiheit in Westeuropa. Das Abwehrszenario sah den Einsatz von taktischen Atomwaffen vor.


Der Blick ist schön vom amerikanischen Wachtturm aus. Ein weiter Blick über das idyllische Städtchen Geisa hinweg auf die ostdeutschen Kuppen der Rhön. „Das Land der offenen Fernen“ ist eine Kulisse, wie sie unpassender nicht sein könnte für eine Grenze, die sich breit und akkurat wie die chirurgische Naht einer besonders hässlichen Wunde durch die Landschaft zieht. Mit Wachttürmen, Sperrzäunen, Hundelaufanlagen, Selbstschussanlagen und Bunkern.


Die Bewohner von Geisa konnten die Hunde heulen hören, nachts, wenn die DDR-Grenztruppen im Mondschein patrouillierten. Auch Bellen war oft zu hören, wenn die Kinder tagsüber beim Spielen am Hang zu nahe an den inneren Zaun gerieten, der den 500-Meter-Sperrstreifen begrenzte. Die Grenze war immer spürbar, immer präsent. Sie prägte das Warenangebot im „Konsum“ ebenso wie die umständlichen und entwürdigenden Prozeduren bei der Ein- und Ausreise von DDR-Bürgern ins Fünf-Kilometer-Sperrgebiet an der Grenze, in dem sich die ganze Stadt befand. Ein Ort der Verbannung im eigenen Land.


Die Menschen hier haben das nicht vergessen. Doch die anderen, wenige Kilometer weiter östlich oder auch westlich, wussten es nicht, wollten es nicht wissen oder haben es verdrängt. Die Wacht der Amerikaner an der Grenze war immer auch eine Mahnwache. Ein Signal. „Hier ist die Freiheit. Es gibt sie. Wir stehen für sie ein.“ Ein Zeichen der Hoffnung, die sich 1989 erfüllte, als die Menschen in der DDR beschlossen, dass nun auch sie keine Angst mehr haben, sondern frei sein wollten.


Die Point-Alpha-Stiftung bewahrt diesen Ort. Als Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte, als Museum, das zum Nachdenken, Nachfragen, Nachbereiten einlädt. Das Erinnerung anbietet als Ausgangspunkt für Diskussionen, die wichtig sind für die Zukunft unserer Demokratie. Wenn Schüler heute Helmut Kohl und Willy Brandt für DDR-Politiker halten und Walter Ulbricht für einen Liedermacher, wenn es vollkommen unbekannt ist, dass es in der DDR bis 1987 die Todesstrafe gab, und wenn eine Mehrheit der Jugendlichen meint, dass die Umwelt in der DDR sauberer war, dann ist das mehr als besorgniserregend. Und dass eine Vielzahl paternalistisch-besorgter Westdeutscher der Ansicht ist, die historische Wahrheit, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, könne man den armen ostdeutschen Verwandten nicht zumuten, weil sie – die den SED- Staat abgeschafft haben! – sich sonst in ihren Biografien beschädigt fühlen könnten, das trägt schon selbstzerstörerische Züge.


Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Diese Erkenntnis fällt durchaus schwer, wenn man in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufwächst. Nicht zuletzt die stetig sinkende Wahlbeteiligung macht dies alarmierend deutlich. Deshalb ist die Erinnerung an das Gegenteil, an all die mörderischen Experimente, so wichtig. Jugendliche, die Point Alpha heute besuchen, sind alles andere als desinteressiert. Wenn sie vor den Relikten der scheußlichen Vergangenheit stehen, ist die erste Reaktion meist: „Zum Glück ist das vorbei.“ Und dann kommen die Fragen, die unbequemen, an die Eltern und Großeltern. „Wie konntet ihr euch das gefallen lassen?“


Aus den Antworten können diese Jugendlichen viel lernen. Zum Beispiel, dass es viele „gute“, durchaus auch ehrenwerte Gründe gab, sich der Diktatur nicht zu widersetzen. Und dass es der wenigen mutigen Querköpfe bedurfte, die – entgegen der „Vernunft“ – dennoch Widerstand leisteten und damit letztlich die einzige friedliche und erfolgreiche Revolution in der deutschen Geschichte auslösten. Joachim Gauck hat das in seiner Rede zum Point-Alpha-Preis 2009, der an die ostdeutsche Bürgerbewegung verliehen wurde, meisterhaft ausgeführt.


Point Alpha ist ein Ort, der sich wie kaum ein anderer zur Vermittlung dieser Botschaft eignet. Dass die Vereine, die diesen authentischen Geschichtsort vor dem Untergang bewahrt haben, im letzten Jahr in eine Stiftung überführt werden konnten, ist in sich eine beispiellose Erfolgsgeschichte der Demokratie. Das ehemalige US-Camp sollte zu Beginn der Neunzigerjahre geschleift werden, „renaturiert“ als Teil des Grünen Bandes entlang der ehemaligen Grenze. Es war eine Bürgerbewegung beiderseits dieser Grenze, die es geschafft hat, den US-Beobachtungsposten unter Denkmalschutz zu stellen und auf ostdeutscher Seite ein Museum zur Erinnerung an das DDR-Grenzregime zu bauen.


Die Point-Alpha-Stiftung wurde am 1. Januar 2008 gegründet von den Ländern Hessen und Thüringen, den Landkreisen Fulda und Wartburgkreis, der Stadt Geisa und der Gemeinde Rasdorf sowie den Gründervereinen auf thüringischer und hessischer Seite, die ihren gesamten musealen Besitz der Stiftung übereigneten. Vor kurzem hat auch der Bund als Zustifter die nationale Bedeutung der Stiftung anerkannt; die großzügige Förderung eines Kunst- und Ausstellungsprojekts zur friedlichen Revolution von Bund und Ländern hat das Angebot der Gedenkstätte sinnvoll erweitert.

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Dennoch bleibt viel zu tun: Mithilfe einer Förderung aus dem Konjunkturpaket soll ein Bildungshaus gebaut werden, das Schüler- und Studentengruppen Unterkunft und die Möglichkeit zu mehrtägigen Projekt- und Forschungsaufenthalten bietet. Doch ein solches Haus braucht auch ein Bildungsangebot, das erstellt und betreut werden muss. Stipendien und Akademien für Studenten aus Deutschland, den USA, Russland, den ost- und westeuropäischen Nachbarländern sollten an diesem authentischen Ort der Geschichte angeboten werden können. Die vielen noch unerforschten Fragen des Kalten Krieges sollten hier mit Blick auf die Zukunft der freiheitlichen Demokratie geklärt werden. Und nicht zuletzt müssen die Ausstellungen auf dem neuesten Stand der Forschung gehalten und dem Wissensstand der Besucher angepasst werden. In der Finanzkrise ist das für eine kleine Stiftung eine schwierige Aufgabe. Aber eine Aufgabe, die sich jeden Tag aufs Neue lohnt.

Uta Thofern ist Direktorin der Point-Alpha-Stiftung.

© Rheinischer Merkur Nr. 32, 06.08.2009


Quelle: http://www.merkur.de


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