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Deutsch-deutsches Mordmysterium

verfasst von Tom Moak(R), 02.09.2009, 12:48

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Deutsch-deutsches Mordmysterium

Tod auf der B 84

Von Jörg Diehl

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Ehemalige innerdeutsche Grenze bei Rasdorf (Hessen): Im Panzer "rübergemacht"
DPA


War es ein Racheakt alter Stasi-Getreuer? Vor elf Jahren wurde ein Ex-Bundesgrenzschützer erschossen
- vorher hatte er öffentlich bekannt, einen DDR-Offizier getötet zu haben. Die Polizei sucht noch immer
nach dem Mörder. Die Witwe vermutet ein Komplott.


Hamburg - Zu erzählen ist eine deutsch-deutsche Tragödie aus der Mitte des Landes, das zerschnitten war, als diese Geschichte begann. 47 Jahre liegt ihr Anfang nun zurück, noch immer aber gibt es kein Ende: Die Behörden ermitteln, eine Witwe wartet und hofft - und von Zeit zu Zeit gibt es Neuigkeiten, meistens sind es Misserfolgsmeldungen.


Der 14. August 1962 also, der Anfang, genau ein Jahr und einen Tag nachdem Walter Ulbricht in Berlin den Ostsektor hat abriegeln lassen, kommt es an der hessisch-thüringischen Grenze bei Rasdorf-Setzelbach zu einem verhängnisvollen Zwischenfall. Rund 200 Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) ziehen damals einen stabilen Grenzzaun zwischen Ost und West.

Vormittags um kurz nach elf eröffnet ein Kompaniechef der Grenztruppen, der Hauptmann Rudi Arnstadt, 35, unvermittelt das Feuer auf eine Streife des Bundesgrenzschutzes (BGS). Plötzlich und ohne Vorwarnung, so heißt es später in der Bundesrepublik, schießt der NVA-Offizier mit einer Pistole auf die Beamten. Arnstadt habe unter großem Druck gestanden, weil wenige Tage zuvor einer seiner Untergebenen mit einem russischen Artillerieschlepper "rübergemacht" hatte, so die Vermutungen der Westbehörden.

Der tödliche Schuss

Der BGS-Oberjäger Hans Martin Plüschke, der zusammen mit zwei Kollegen an der Grenze patrouilliert und Ziel der Attacke ist, erwidert die Schüsse. Eine Kugel trifft Arnstadt oberhalb des rechten Auges, er stirbt. "Ich habe nicht exakt gezielt, bin nach dem Schuss herumgefahren und habe aus der Hüfte mit meinem Schnellfeuergewehr einfach abgedrückt", berichtet der damals 23-jährige Schütze später. Die Staatsanwaltschaft Fulda erkennt schließlich auf Notwehr und stellt das Verfahren gegen Plüschke im Oktober 1962 ein.

Aber noch heute finden sich im Internet zahlreiche Seiten, auf denen die Legende von der westdeutschen "Provokation" und dem aufrechten ostdeutschen Grenzsoldaten Arnstadt weiterlebt. "Bonner Mörder schossen unseren Genossen Arnstadt brutal zusammen", hetzten seinerzeit die SED-Zeitungen. Das Regime stilisierte den NVA-Offizier zum Volkshelden, benannte Schulen, Straßen und Plätze nach ihm. Gleichzeitig verurteilte ein DDR-Gericht den Schützen Plüschke zu 25 Jahren Zuchthaus, in Abwesenheit des Angeklagten.

Die Jahre vergingen. Es blieb die Angst.

Plüschke, später Taxiunternehmer im nahen Hünfeld, fürchtete sich vor ostdeutschen Racheakten, er sorgte sich, eines seiner fünf Kinder könnte von der Stasi entführt werden, um ihn im Austausch in die DDR zu zwingen. Plüschke trug wieder eine Waffe.

Das öffentliche Geständnis

Dennoch gab er am 35. Jahrestag des Zwischenfalls dem Hessischen Rundfunk ein Interview, in dem er sich zu dem tödlichen Schuss auf den DDR-Grenzer bekannte. Zuvor hatten die bundesdeutschen Behörden seine Identität jahrelang zu schützen gewusst. Vielleicht wollte Plüschke das Versteckspiel beenden, vielleicht dachte er sich, die Sache sei endlich ausgestanden, 1997, sieben Jahre nach der Wiedervereinigung.

Doch wenige Monate später war Hans Martin Plüschke tot.

Am frühen Morgen des 15. März 1998, es ist 4.10 Uhr, und Plüschke hat wenige Minuten zuvor noch vier Discogänger zu Hause abgeliefert, wird die Leiche des 59-Jährigen auf einem Feldweg an der Bundesstraße 84 zwischen Hünfeld und Neuwirtshaus gefunden, 70 Meter von dem Wagen entfernt. Die Obduktion ergibt, dass dem Taxifahrer mit einer Waffe vom Kaliber 22 in den Kopf geschossen wurde, die Kugel soll ihn - ähnlich wie den Grenzer Arnstadt - oberhalb des rechten Auges getroffen haben. Der Mörder, der vom Beifahrersitz aus gefeuert haben könnte, raubt weder Papiere noch Geld - und wird nie gefasst.

Und wieder vergehen die Jahre.

Die neuen Ermittlungen

Ende 2008 machen sich dann Spezialisten des Hessischen Landeskriminalamts daran, sowohl den asservierten Wagen des Opfers, einen BMW 524 tds, als auch dessen Kleidung, Jeans und Pullover, neuerlich auf DNA-Spuren zu untersuchen. Diesmal werden die Fachleute dank der verbesserten technischen Möglichkeiten fündig. Sie stellen zwischen zehn und zwanzig verschiedene DNA-Muster in dem Auto sicher, die genaue Anzahl der Spuren wollen die Ermittler nicht veröffentlicht sehen.

"Es gab jedoch keine Übereinstimmung mit der Datensammlung des Bundeskriminalamts", sagte Staatsanwalt Harry Wilke nun SPIEGEL ONLINE. Die Beamten wissen somit schlichtweg nicht, wer in dem Taxi gesessen hat. "Der Fall ist damit natürlich nicht abgeschlossen, aber momentan haben wir keinen offenen Ermittlungsansatz mehr." Man werde sich die Sache aber routinemäßig in einiger Zeit wieder vornehmen, "Mord verjährt nicht."

Der Witwe des Ermordeten, seit Jahren von einem Racheakt ehemaliger DDR-Eliten überzeugt, zeigt sich enttäuscht, dass die neuerlichen Nachforschungen wieder im Nirgendwo enden. "Ich hoffe so sehr, dass der Mörder irgendwann noch gefasst wird", sagte Elsa Plüschke, 78, SPIEGEL ONLINE. "Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch erleben werde."

Es fehlt noch immer ein Ende.


Quelle: http://www.spiegel.de

,.-

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