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Aufgeschnappt: In den "Zonen der Barbarei"
Mein Laden
Der berüchtigste unter den berüchtigten sozialen Brennpunkten ist die Gegend um die Soldiner Straße im Wedding - glaubt man der bürgerlichen deutschen Schweinepresse. Die ukrainische taz-Autorin Lilli Brand hat eine zeitlang dort gearbeitet - und kürzlich ihre Erfahrungen aufgeschrieben:
Die Soldiner Straße im Wedding wird seit einigen Jahren immer wieder in den Medien erwähnt, da die Gegend laut Wikipedia “den Ruf hat, ‘kriminell’ und ‘unzähmbar’ zu sein”. Sie bekam dann ein “Quartiers-Management” und eine Quartiersschreiberin verpaßt, außerdem erschien ein Buch über die Soldinerstraße. Ich bekam 2006 von meinem Freund Ali das Angebot, mit ihm zusammen bei seinem arabischen “Bruder” Mahmut in dessen Lebensmittelladen in der Soldiner Straße einzuspringen. Dort war zuletzt einiges schief gelaufen, u.a. hatte der türkische Angestellte angeblich arg in die eigene Tasche gewirtschaftet und den Laden immer mehr vernachlässigt. Als Ali und ich an einem Montag um 7 Uhr früh anrückten, kamen wir nicht rein: Jemand hatte das Schloß ausgewechselt. Während ich erst einmal eine rauchte, ging Ali ins Internetcafé nach nebenan, um mit dem Besitzer zu telefonieren. Plötzlich umringten mich drei türkische Frauen und zwei Männer und redeten wild auf mich ein. Die älteste hielt mir ein paar Zettel vor die Nase. Ich verstand nicht genug Türkisch, so dass eine der jüngeren Frauen für mich übersetzen mußte: Es ging darum, dass der Laden sowie auch die Strom- und Wasserversorgung auf ihren Namen angemeldet waren und sie jetzt hochverschuldet dastand. Sie hieß Fatimah und war die Frau des Angestellten - Ömer. Er sei ein fauler Hund und ein Nichtsnutz, schimpfte sie, liege die ganze Zeit im Bett und trinke Bier. Sie war es auch gewesen, die das Schloß ausgewechselt hatte. Der Besitzer des Ladens sollte nun ihre Schulden bezahlen, sonst würde sie alle Verträge kündigen.
Ali hatte den Besitzer nicht erreicht, nur seinen Neffen, und der brauchte eine Weile, um vorbeikommen. Während wir noch vor dem Laden standen und beratschlagten, kam plötzlich Ömer an, der Angestellte, der noch gar nicht wußte, dass er dort nicht mehr arbeiten sollte. Wir stürzten uns alle auf ihn. Seine Frau, Fatimah, schlug mit ihrer Tasche auf ihn ein, die beiden jüngeren Frauen wurden von den Männern zurückgehalten. Ali bat Fatimah, den Laden aufzuschließen, um alles weitere drinnen zu besprechen.
Das Geschäft machte einen guten Eindruck: Es hatte einen großen Verkaufsraum mit großteils türkischen und arabischen Produkten, mehrere Kühlregale für Fleisch- und Milchprodukte, die jedoch fast leer waren, ein sonniges Büro, zwei Toiletten und einen geräumigen Keller mit Kühlraum. Alle Aggregate liefen auf vollen Touren, so dass es im Laden trotz der sommerlichen Hitze draußen angenehm kühl war. Dennoch erhitzten sich die Gemüter drinnen nur noch mehr - als der Neffe endlich kam. Er wußte jedoch von nichts und verwies immer wieder auf seinen Onkel Mahmut, der ihm nur gesagt hatte, dass Ömer entlassen sei und weil er so viel unterschlagen habe, kein Geld mehr bekomme, auch für die Schulden von Fatimah würde sein Onkel nicht aufkommen. Ömer verteidigte sich: Er sei immer ehrlich gewesen, aber weil die meisten Kunden so arm waren, hätte er ihnen ständig Kredit einräumen müssen. Den Neffen ließ das alles kalt. Ömers Frau trat schließlich den Rückzug an - mit den Worten “Wir sehen uns vor Gericht wieder!” Gegen Mittag wurde der Strom abgestellt. Während wir noch unschlüssig im Laden herumsaßen und rauchten, kam Mahmut in seinem BMW vorgefahren. Er gab sich gelassen. Nachdem mein Freund ihm auf Arabisch alles geschildert hatte, bat er mich auf Deutsch,ihm zu helfen, den Strom auf den Namen seines Neffen anzumelden, wozu ich mich auch bereit erklärte. Weil ich keine Papiere dabei hatte, lieh er mir sein schickes Auto, damit ich sie zusammen mit seinem Neffen zu Hause abholte. Danach fuhren wir zu einer Vattenfall-Geschäftsstelle, wo der Neffe einen Vertrag unterschrieb. Mahmut hatte in der Zwischenzeit das Schloß erneut austauschen lassen.
Am nächsten Morgen machte ich mich zusammen mit meinem Freund Ali erst mal mit dem Warenangebot vertraut, gegen Mittag wurde auch der Strom wieder angestellt. Aber bereits am Nachmittag erklärte Ali mir, er langeweile sich im Laden und ich würde das auch alleine schaffen. Kurz vor Feierabend erschien Ömer, um seine persönlichen Sachen und Papiere abzuholen. Wir stritten uns noch mal kurz.
Zunächst kamen nur wenig Kunden, sie schauten sich im Laden um und gingen wieder raus - es war ihnen zu teuer. Das brachte mich auf die Idee, ein Plakat ins Schaufenster zu hängen: “Zur Neueröffnung 50% Rabatt auf Reis”. Das interessierte die Leute in der Soldiner Strasse. Einige kauften gleich mehrere 5-Kilosäcke: Ich nahm an dem Tag über 800 Euro ein. Im Nu war der Reis ausverkauft. Ich dachte mir daraufhin was Neues aus: “Beim Kauf von vier Packungen Halwa - zu 1 Euro 50 - eine Packung umsonst”. Auch das funktionierte gut. Bei einigen Dosen war das Verfallsdatum längst überschritten, so dass ich sie ebenfalls im Preis herabsetzte. Die Gewürze, Oliven und Tees, die mir zu teuer schienen, setzte ich mit dem Auspreiser runter. Schon bald wollten die Kunden alles zu einem niedrigeren Preis haben. Ich erklärte ihnen, dass es immer nur einige wenige Waren billiger gäbe - auf diese Weise mußten sie täglich - nach Sonderangeboten - vorbeischauen. Nach zwei Wochen fing ich bei einigen Kunden ebenfalls an, ihnen Kredit zu geben. U.a. bei einer Jugoslawin, die täglich vorbeikam. Sie war außerdem eine Art Ladenbotschafterin: Viele Leute saßen bei dem warmen Sommerwetter draußen in der Soldiner Strasse, tranken Tee und unterhielten sich. Die Jugoslawin ging - aus dem Laden kommend - immer von einer Gruppe zur anderen und erzählte allen, was es nun wieder “bei der Russin” Neues gäbe. Manchmal schleppte sie sogar eine ganzen Gruppe von Frauen an, die alle bei mir einkauften. Dafür bat sie mich, anschreiben zu dürfen, außerdem bekam sie Süßigkeiten und Fladenbrote für ihre Kinder geschenkt. Die Brote wurden täglich angeliefert. Zwar hatte Ömer aus Rache alle Telefonnummern von den Lieferanten mitgenommen, aber diese meldeten sich nach und nach auch unaufgefordert - und lieferten mir soundsoviel Joghurts, Milchpackungen, Butter, türkischen Käse und Wurst etc..
Der Laden hatte draußen vor den Schaufenstern zwei Gemüseregale. Weil der Gemüselieferant noch Geld vom Ladenbesitzer zu bekommen hatte, wollte er mir keine neue Ware liefern. Mahmut, der mich im übrigen lobte - für meine Ideen, hatte mir gesagt, ich sollte keine Außenstände begleichen, sondern alle Lieferanten an den entlassenen Ömer verweisen. Beim Gemüse behalf ich mich deswegen damit, dass ich selber welches einkaufte - bei einem türkischen Gemüsehändler um die Ecke, das ich dann in “meinem” Laden etwas teurer wieder verkaufte.
Neben dem Ein- und Verkauf mußte ich auch noch die Buchhaltung und die Kassenabrechnung machen. Wenn viele Kunden auf einmal im Laden waren, verlor ich manchmal den Überblick, zumal viele Frauen ihre Kinder mitbrachten, die mich mit ihren Süßigkeitswünschen durcheinander brachten, während die mit großen weiten Gewändern angetanen Mütter irgendetwas einsteckten. Ich muß hinzufügen, dass auch ich mich großzügig - aus der Kasse - bediente. Niemand kontrollierte mich und die “Bücher”. Meine Einahmen beliefen sich auf etwa 300 Euro am Tag. Das Geld gab ich abends meinem Freund Ali, der sich natürlich auch noch was davon abzwackte. Mahmut kam nur selten im Laden vorbei, und wenn, dann verschwand er gleich in seinem Büro, wo er manchmal auch schlief. Einmal kam er mit seiner Frau und seinen drei Kindern - und veranstaltete ein kleines Kinderfest vor dem Laden, d.h. er verteilte großzügig Süßigkeiten an alle Kinder in der Soldiner Strasse . Auch die Erwachsenen gingen nicht leer aus.
Zu meinen Stammkundinnen gehörte die Tochter eines Mullahs, die ihren Einkaufswagen immer mit Erfrischungsgetränken vollpackte - und dafür von mir Mengenrabatt bekam. Sie war nicht die einzige, die mich zum Übertritt in den Islam zu überreden versuchte, dazu arrangierte sie für mich ein Treffen mit ihrem Vater, der sehr angesehen war im Soldiner Kiez. Das war mir aber für den Anfang zu dicke, stattdessen begleitete ich jedoch meine jugoslawische Dauerkundin Mara, die mir inzwischen ans Herz gewachsen war und sogar Diebstähle im Laden verhinderte, an einem Freitag in die Moschee, die sich gleich nebenan befand. Weil ich dafür keine passende Bekleidung besaß, lieh sie mir ein grün-goldenes Kopftuch und dazu ein langes dunkelgrünes Kleid mit arabischem Strickmuster. Mir war anfangs etwas bange. Mara beruhigte mich: “Tu einfach alles, was auch die anderen Frauen machen, ich bin bei dir.” Der Gottesdienst dauerte fast zwei Stunden, aber ich war - im Gegensatz zu den alten Frauen um mich herum - schon nach einer halben Stunden so fertig vom vielen Niederknien, dass ich nicht mehr hochkam. Und am nächsten Tag hatte ich einen derartigen Muskelkater, dass ich nicht zur Arbeit gehen konnte und das Geschäft zublieb.
Im Laden stand gleich hinter der Tür das Modell einer Moschee, von Kindern aus Holz hergestellt, in das man Spenden für den Bau einer neuen Moschee reintun sollte. Kaum einer der Kunden drückte sich, manche steckten sogar Geldscheine in den Schlitz, auch ich warf täglich ein paar Münzen rein. Einmal in der Woche kam ein Geistlicher und leerte die Spendenkasse.
Neben Mara freundete ich mich auch noch mit drei anderen Kundinnen an: Es waren Araberinnen, die stets ohne Kopftuch, stark geschminkt und körperbetont gekleidet waren. Sie genossen es, anders herumzulaufen als die meisten Soldinerinnen. Einmal luden sie mich zu sich nach Hause ein. Wir rauchten, tranken Tee und plauderten über die Religion sowie über den Kiez und die vielen, vernachlässigt wirkenden Kinder, die auf der Straße herumhingen und oft Unsinn im Kopf hatten. Daneben gaben die drei Frauen mir noch Tips, wie ich mehr Kunden in den Laden locken könnte.
Eines der Kinder kam oft zu mir: Er, Kemal, wollte unbedingt an die Kasse. Als ich es ihm einmal erlaubte, stellte sich heraus, dass er sie perfekt bedienen konnte und außerdem, wenn seine Freunde in den Laden kamen, dass er ihre Einkäufe noch genauer abkassierte als ich. Abends half er mir gelegentlich, die schweren Gemüsekisten reinzutragen und den Laden abzuschließen. Ein paar Mal begleitete ich seine Mutter zu seiner Schule, um ihr beizustehen und zu dolmetschen: Es ging darum, dass Kemal manchmal den Unterricht schwänzte - z.B. wenn seine Oma zu Besuch da war.
Das meiste, was ich verkaufte, war Reis, arabische und türkische Fladenbrote sowie stilles Wasser in Flaschen aus der Türkei. Selbst den ärmsten Soldinern war das deutsche Wasser aus der Leitung nicht rein genug, deswegen kauften sie täglich mindestens einen Sechserpack. Einer meiner Wasser-Großkunden, ein älterer Kurde, erzählte mir, dass der Laden vor Mahmut dem berühmt-berüchtigten Mahmout al-Zein gehört hatte. Seiner Meinung nach war al-Zein ein strenggläubiger, großzügiger und bescheiden auftretender Mensch. Einige andere widerum meinten, dass der Laden, als er noch in seinem Besitz war, einen schlechten Ruf hatte, weil dort angeblich jede Menge krumme Geschäfte gemacht wurden. Und daneben soll seine Familie noch Sozialhilfe kassiert haben. Nachdem man ihn verhaftet hatte - wegen Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Körperverletzung, übernahm Mahmut seinen Laden in der Soldiner Strasse. Als ich dort anfing, gab es noch immer einige Waren - Puderzucker, Reisstärke etc.- mit dem Namen “Al-Zein” drauf. Obwohl das Geschäft immer besser lief und ich immer öfter überfordert war, rentierte es sich kaum, so dass Mahmut den Laden verkaufen wollte, er fand nur keinen Interessenten bzw. nur solche, die auf bestimmte Einrichtungsgegenstände scharf waren. So wurde z.B. eines Tages der Fleischwolf und die Kühltruhe abgeholt.
Ich hatte noch eine weitere Jugoslawin als Kundin. Sie kam regelmäßig - meistens mit ihrer Tochter, die mir oft half: beim Saubermachen und Waren einräumen. Sie und ihr Mann besaßen ein Restaurant. Nachdem sie mitbekommen hatte, wie gut ich mit den Leuten im Laden klar kam, versuchte sie mich für ihr Lokal abzuwerben - als Kellnerin. Zwar fühlte ich mich auf der Soldiner Strasse wohl und es war auch eine gute Erfahrung, dort so ein Lebensmittelgeschäft zu schmeißen, aber nachdem Mahmut auch noch sämtliche Kühlregale auseinandergenommen und abtransportiert hatte, meldete ich mich - ebenfalls an einem Montag - im “Adria-Grill” zu einem Vorstellungsgespräch. Vorher veranstaltete ich noch eine Art Ausverkauf: Es kamen sogar Kunden aus der Pank- und Osloer Strasse.
Was ist überhaupt eine “Mafia” - und wie kommt sie z.B. bei den Russen zustande?
Zu Anfang war es nur ein Witz: Ira, Physikerin und Kinderbuchautorin aus Krasnojarsk, mit einem Kind, das aufs Jüdische Gymnasium geht, kam nicht mehr mit der Sozialhilfe hin und liebäugelte mit kleinen Geschäften nebenbei. Sie dachte dabei an eine Art Import-Export-Vermittlung. Als ihr Partner bot sich ein Schwager von der unteren Wolga an. Schon bald gingen ganze Lkw-Ladungen von Mahlsdorf nach Russland: “Na ja, zwei!” Immer neue Großhändler, bis hinter den Ural, baten sie um Zusammenarbeit.
Einmal schaltete sie mich ein: “Recherchier das doch mal für mich - da kostet ein Putzmittel aus Bochum 2 Mark der halbe Liter, lass dir ein Angebot geben für eine größere Stückzahl.” Auch und erst recht bei einem Freundschaftsdienst wollte ich gründlich sein und diskutierte zunächst mit einem abgewickelten Detergenzienforscher der DDR-Akademie der Wissenschaft die Waschkraft - das Preis-Leistungs-Verhältnis quasi. Über ihn gelangte ich an einen Köpenicker Neuunternehmer, der Reinigungsmittel auf Naturölbasis produzierte und große Mengen Sonnenblumenöl brauchte. Ira machte ihm daraufhin prompt ein interessantes Angebot von einer Ölmühle bei Saratow - frei Haus. Der Köpenicker beschäftigte einen Russlanddeutschen, dessen Frau gelegentlich den durchgehenden Zug Berlin - Saratow benutzte. Beim nächsten Mal baten wir sie, Ölproben aus der dortigen Mühle mitzubringen. Danach hing auch sie mit in Iras Geschäft drin. Es ging dabei stets um Prozente und Subprozente - um die Vermittlungsprovision.
Plötzlich bekam Ira einen Anruf aus Weißrussland: Sie sollte einem Kommunalbeamten beim Kauf von Parkuhren helfen. Wieder musste ich recherchieren. Ira wurde unterdes schriftlich zur Regierungsbeauftragten erklärt: “Allein kann ich das besser machen, dem Beamten geht es sowieso nur um seine Provision.” “Bestechung?” “Wie auch immer, findest du das unmoralisch?” “Vom Beamten schon”. “Das ist in etwa auch die Linie des Bonner Wirtschaftsministeriums.” Ich erschrak. Ira kam auf ihr Thema zurück: “Das Problem bei diesem Geschäft ist, wir brauchen erst einen Kredit von hier, um die Parkuhren zu bezahlen.” “Ich bin nicht mehr kreditwürdig”. “Es geht um Millionen!” “Wer ist wir?” “Weißrussland!” Ich fand tatsächlich einen japanischen Parkuhrenhersteller - er gehörte zu einem Konzern mit einer eigenen Bank für Kundenkredite. Und Ira fand einen russischen Emigranten, der perfekt Japanisch konnte.
Beim Türken in der Bismarckstraße trafen wir uns zu einem ersten Arbeitsgespräch. Wir waren zu sechst. Nach einigen Raki setzte sich der Wirt zu uns an den Tisch. Er erzählte, sein Bruder habe drei unverkäufliche Eigentumswohnungen in Treptow. Könnte man die nicht - möbliert - als Pension für durchreisende russische Geschäftsleute nutzen: 30 Mark pro Übernachtung? Ira wurde wieder nüchtern: “Wir sind im Geschäft, Mehmet!”
Um es kurz zu machen: Obwohl uns Mehmet einen Freundschaftspreis machte, mussten wir unser letztes Geld zusammenlegen, um die Zeche zahlen zu können. Einmal lieh ich Ira sogar noch 300 Mark für einen Leihwagen. Und laufend verschickten wir vom Einwohnermeldeamt für teures Geld abgestempelte Einladungen an potenzielle russische Geschäftspartner. Währenddessen verfolgte jeder für sich ruckartig alle andiskutierten Geschäfte weiter. Immer wieder kamen neue Anfragen dazu: Holz aus Karelien, Düngemittel aus St. Petersburg, Baustahl aus Perm…. Regelmäßig trafen wir uns bei Mehmet und auf dem Schmachtenhagener Bauernmarkt. Dann - aus Kostengründen - in Iras Kochnische, wo sich ihr neuer Freund aus Kiew, Fotograf und Zollexperte, gelegentlich dazusetzte. Nach einigen Wodka wurde dort aus unserem Euro-Pidgin langsam Küchenrussisch. Die Russlanddeutsche, Vera, sagte: “Meine Towarisch, Partner in Saratow, brauchen Getränkeabfüllanlagen für kleinen Likörflaschen, es muss aber schnell gehen, die Saison beginnt bald.” Ira brauchte mich bloß noch anzugucken. Ich notierte es mir sofort. Mehmet hatte an jenem Abend seine Frau mitgebracht, eine Georgierin, die er gegen den Willen seiner Familie geheiratet hatte: Sie wollte endlich mal seine “Russen-Mafia” kennenlernen - wir waren ihr “nicht ganz koscher”. Ira beruhigte sie: “Noch sind wir nicht so weit, erst muss ein Geschäft richtig unter Dach und Fach sein. Und die Provision auf unserem Konto.” Alle nickten, auch die Georgierin: eine geborene Geschäftsfrau, wie sich dann herausstellte …
Aber dann kam der Sommer 98 und mit ihm die russische Wirtschaftskrise und der Rubelverfall. Alle Geschäfte verliefen im Sande. Die meisten Großhändler zogen sich zurück. Ich tröstete Ira: “Damit kommt vielleicht die einheimische Produktion langsam wieder auf die Beine. Es ist doch nicht normal, dass die selbst Butter und Joghurt aus Deutschland haben wollten.” Aber Ira war untröstlich. Sie fuhr an die Ostsee mit ihrer Tochter. Als wir uns danach trafen, hatte sie sich wieder einigermaßen gefangen: Man hatte ihr eine ABM-Stelle gegeben. Genaugenommen war es eine HZA (Hilfe zur Arbeit), früher LKZ (Lohnkostenzuschuss) genannt. Sie hatte in dem “Kulturprojekt” bereits einige nette Kolleginnen kennengelernt. Ihnen hatte man allen IDA-, also Integration-durch-Arbeit-Stellen verpasst, da sie meistens schwänzten, hießen diese Integrationsmaßnahmen auch NIDA. “Man endet doch immer wieder im Sozialismus”, meinte Ira lachend. Ich machte daraus später - für 330 Mark - eine Geschichte: “Die lachende Sibirierin”.
Geschrieben von hausmeisterblog, in Allgemein.
am Thursday, 23.08.2007 um 16:22
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