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WIDERSTAND
Wie wurden wir zu Dissidenten?
Der Topos des Bürgerrechtlers hatte erst nach 1989 Hochkonjunktur.
Er trifft nicht den Kern des des politischen Kampfes.
Der DDR-Oppositionelle und Autor Lutz Rathenow
stellt den Begriff auf den Prüfstand.
VON LUTZ RATHENOW
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HELDENSTADT: Mutige Leipziger Bürger versammeln
sich vor der Nikolaikirche zur Montagsdemonstration.
Sie lösten die friedliche Revolution aus.
Fotos: Stefan Enders/Gruppe28, ari
Der Begriff „Bürgerrechtler“ bringt seine Probleme mit sich. Es gibt Berufsbezeichnungen, die wirken gleichermaßen positiv und negativ anrüchig. Je nachdem, wer das Wort zu welchem Zweck gerade in den Mund nimmt. Man kennt das vom Popsänger- oder dem Schauspieler-Dasein. Und wer heute fleißig als Bürgerrechtler auftritt (wie gelegentlich ich), verfällt auch in eine Art Schauspielerrolle: Er gibt ein Beispiel für jene Menschen ab, die in der DDR protestierten und die etwas ändern wollten im System oder an dem System. Lange Zeit versuchte die westliche Presse, den Begriff „Systemkritiker“ oder „Oppositioneller“ für Ostdeutsche – zum Beispiel Schriftsteller, die im Westen ein verbotenes Buch veröffentlichten – zu vermeiden. Es wirkte zu radikal. Schließlich lieh man sich den Begriff Dissidenten aus.
Das stimmte für Robert Havemann, Reiner Kunze oder Wolf Biermann schon, aber in den Siebziger- oder Achtzigerjahren traten Generationen oder Teilgenerationen von jüngeren DDR-Bürgern auf, die die Sozialismuserwartungen des Landes kaum noch oder gar nicht mehr inhaliert hatten.
Einer der ersten wirklichen DDR-Oppositionellen, für den nicht
mal das Etikett „Dissident“ zutraf, hieß Jürgen Fuchs.
1977 inhaftierte ihn die Stasi neun Monate, über den Druck und Psychoterror in der Stasi-U-Haft schrieb er das Buch „Vernehmungsprotokolle“. 1978 übrigens der erste Text, der auch öffentlich die Freikaufpraxis politischer DDR-Gefangener durch die Bundesregierung problematisierte.
Hören wollte das im Westen niemand. Jürgen Fuchs setzte sich dann mit unglaublicher Intensität im Westen für eine grenzüberschreitende Opposition in der DDR ein; die Erfahrungen in der U-Haft begleiteten ihn bis zu seinem frühen Tod 1999.
Er gestaltete mit den Vernehmungsprotokollen ein Buch, das anderen DDR-Bürgern helfen sollte, die Haft besser zu durchschauen und zu ertragen. Es ist in dem Sinne vielleicht das erste nicht mehr nur verbotene Buch in der DDR, sondern eines, das helfen sollte, im Staate gegen diesen zu agieren.
Für die Oppositionellen unter den Bürgerrechtlern wurde es zur Pflichtlektüre, ganze Friedens- und Menschenrechtsgruppen spielten die Verhörszenen nach und durften dann nach einer Festnahme lauter Déjà-vu-Erlebnisse in puncto Verhörtaktiken haben. Andere bürgerbewegte Andersdenkende in der DDR kannten Fuchs gar nicht, für wieder andere waren alle, die in den Westen gegangen waren, im Grunde Verräter an der wichtigeren Sache der DDR-Veränderung. Nur sehr wenige waren in der Lage, in ihnen auch gesamtdeutsche Vorboten zu erkennen. Und die spezielle Situation der DDR produktiv anzunehmen: die DDR als in symbiotischer Verbindung mit der Bundesrepublik zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen.
Zumindest setzte sich in den Achtzigerjahren in immer mehr Gruppen und Kreisen der unabhängigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung die Erkenntnis durch, dass die Westöffentlichkeit eben auch eine Ersatzöffentlichkeit für die DDR war. Und zwar als ein selbstverständliches Prinzip zur politischen Auseinandersetzung. Jürgen Fuchs markierte da wie andere aus Jena stammende oder dort zeitweilig tätige Oppositionelle einen Übergang von einer kritisch-loyalen DDR-Literatur (DDR-Dissidenz) zu einer, die das politische System so grundlegend infrage stellte, dass sie das lieber gar nicht erst reflektierte. Man hätte sich dann als Feind eines Staates erkennen müssen.
Und der Selbsterhaltungstrieb hatte vor diesem Selbstverständnis zahlreiche Ängste platziert. In der frühen DDR lösten sich solche Spannungen meist anders auf: Der DDR-Gegner verließ das Land Richtung Westen oder suchte sich einen Winkel im Staatskörperlabyrinth, der so etwas wie innere Emigration zuließ (Kirche, Handwerkerdasein). Glückte das Verbergen der eigenen Feindhaltung zu gut, vergaß man diese mitunter über die Zeit in seiner selbstgezimmerten Scheinidylle, die nicht nur eine politische Nische war. In der späten DDR passierten noch mehr Veränderungen gleichzeitig. Viele Menschen wollten ausreisen, aber nicht alle von ihnen hatten eine konsequente Feindhaltung zu dem Staat, den sie verließen. Mir sagte der (leider verstorbene) Schriftsteller Klaus Schlesinger einmal, er müsse nach Westberlin übersiedeln, um im Osten kein Antikommunist zu werden und um sich seine (auch positiven) DDR-Erinnerungen zu erhalten.
Bürgerrechtler im engen Sinne sind im Grunde Gewächse der letzten Monate der DDR; sie werden mit Runden Tischen und anderen Begriffen einer sich auflösenden DDR zusammengebracht. Sie kämpften eigentlich für echte Bürgerrechte, die ihnen die DDR erst vorenthielt und sie ihnen dann manipulativ zurechtstutzen wollte. Am 4. November, vier Tage vor dem Fall der Mauer, fand in Berlin die Riesendemo statt – mit vielen Bürgerrechtlern und kaum einem DDR-Oppositionellen auf der Rednerliste.
Mein klitzekleines Verdienst bei der Gestaltung dieser Demo bestand darin, dass ich zwei Stunden lang hinter den Kulissen im Vorbereitungsraum (in dem sich Markus Wolf, Günter Schabowski, Bärbel Bohley gleichzeitig tummelten) versuchte, den Redeauftritt von ungarischen Gästen zu ermöglichen, die dann kurz vor Schluss mit einer fünfminütigen Grußbotschaft auftreten durften.
Der ungarische liberale Jugendverband hatte sich gerade gegründet, vier führende Mitglieder waren nachts angereist und wollten als einzige osteuropäische Abgesandte an dieser Veranstaltung teilnehmen.
Das führte zu viel Misstrauen im Vorbereitungskreis. Nur durch eine Erpressung mit einer Meldung in den Westmedien gelang es, den Ungarn Rederecht zu verschaffen.
Am 9. November war ich bei einem bekannten und verdienten Bürgerrechtler (und DDR-Oppositionellen) in seiner Wohnung. Parlamentarier des Europaparlaments (Kommunisten und Sozialisten aus Italien und Frankreich) waren zu Gast und eine ganze Menge Bürgerrechtler aus der DDR. Die Diskussion drehte sich um die Gestaltung der Zukunft der Menschheit und der DDR. Und die DDR schien den Europaabgeordneten ein Muster für die künftige Menschheit zu sein.
In dieser aufgeregten Debatte – mit vielen pragmatischen Dämpfern von deutscher Seite – kam ein Getuschel auf, denn es entfernten sich an diesem Abend plötzlich Leute – ohne zu sagen, warum. Da flüsterte jemand. „Da sagt einer, die Grenze ist offen.“ Ich flüsterte zurück, um die anderen nicht zu stören, es wurden ja wichtige Dinge diskutiert. Irgendwann drang das Gerücht zu den leitenden Diskutanten vor; das Gerücht wurde unwirsch aufgenommen. Wir planen die Zukunft der Menschheit und da öffnet die DDR einfach die Mauer? Trotzdem wurde der Abend früher, als eigentlich geplant, abgebrochen, da sich der Raum leerte. So mussten sich Bürgerrechtler im Auflösungsprozess der DDR doch immer wieder auf ungeplante Realitäten einstellen.
Oder wurde jeder, der im Oktober 1989 in Plauen oder Leipzig zur Demonstration auf die Straße ging, zum Bürgerrechtler, weil er sich Rechte herausnahm, die der DDR-Staat nicht verkraftete? An der Maueröffnung kaum beteiligt, entwickelten sich die DDR-Bürgerrechtler und Oppositionellen sehr schnell in verschiedene Richtungen auseinander. Einige betätigten sich ziemlich früh als Manager des Übergangs in eine andere Gesellschaftsordnung, andere konservierten einen Kult des permanenten Aufbruchs und Andersseins.
Schon Anfang 1990 existierten „die Bürgerrechtler“ nur noch als Fiktion.
Dafür bekamen viel mehr Menschen, als in der Öffentlichkeit reflektiert wurde, Lust am Westen. Und versuchten ihre Partner dort zu finden und den faktischen Beitritt der DDR in das Gebilde der Bundesrepublik zu verwirklichen. Das betraf alle Strömungen: von den Grünen bis zur CDU, von den Antideutschen bis hin zu den Kommunisten, von denen einige überrascht merkten, dass es erst unter Westverhältnissen richtig Spaß machte, SED-PDS-Linkspartei-Aktivist zu sein.
Und plötzlich erkannten einige Oppositionelle aus DDR-Zeiten noch vor dem realen Ende der DDR ihre künftige wichtige Aufgabe auch darin, den Opfern der DDR auf Dauer eine Stimme zu geben und die Erfahrungen des DDR-Staates mit seinen totalitären Ambitionen zu erinnern und vor dem Wegdrängen im öffentlichen Gespräch der Bundesrepublik zu schützen. Und den wirklichen Opfern der DDR zu helfen, ihre Rechte im Staatsgebilde des neu vereinigten Deutschlands wahrzunehmen.
Was nicht immer leicht war und nicht leicht ist, da Westdeutschland 1989 auf diese Aufgabe noch weniger vorbereitet war als auf die auch schon schwierige Tatsache, die wirtschaftliche Vereinigung schultern zu müssen.
Zur Person
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Am 22. September 1952 in Jena geboren, studierte Lutz Rathenow Deutsch und Geschichte auf Lehramt in seiner Heimatstadt. Aufgrund regimekritischer Aktivitäten exmatrikulierte ihn die Universität. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich daraufhin als Transportarbeiter bei der Firma Carl Zeiss Jena und später, in Ostberlin, als freier Schriftsteller. Die ihm vom DDR-Regime vorgeschlagenen Ausreiseangebote lehnte der Friedensaktivist ab. Nach der friedlichen Revolution in der DDR verlieh ihm die Uni Jena nachträglich das Abschlussdiplom. Heute arbeitet Rathenow als Lyriker und Prosaautor in Berlin.
Sein Text-Foto-Band „Ost-Berlin“ (Fotos Harald Hauswald, Jaron Verlag, Berlin 2008) befasst sich mit den paradoxen Wirkungen der Grenzanlagen zu DDR-Zeiten bis heute.
Kam
© Rheinischer Merkur Nr. 32, 06.08.2009
Quelle: http://www.merkur.de
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