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Tom Moak(R)

13.09.2009, 17:57
 

Erschreckende Wissenslücken "Oh wie schön ist die DDR"

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13.09.2009 · 12:30 Uhr

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Alltag in der DDR:
in der Schlange stehen

(Bild: AP)


Erschreckende Wissenslücken


Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder:

"Oh wie schön ist die DDR"

Rezensiert von Josef Schmid

Schülerinnen und Schüler wissen offenbar nicht viel über die Diktatur im Osten Deutschlands.
Der Band "Oh wie schön ist die DDR" ist ein Bericht über verklärende Anekdoten, über Eltern,
Lehrer und andere Geschichtsverdreher.


Man kann die Nervosität nachfühlen, die die Verantwortlichen für politische Bildung, Schulamtsleiter, Lehrerinnen und Lehrer der Sozialkunde ergriffen hat, als sie aus einer Studie erfuhren, dass ein erheblicher Teil von Schülern in West und Ost zu Fragen, was denn die DDR war, die merkwürdigsten Antworten gaben. Ein Drittel bis zur Hälfte der befragten Schüler konnten beim Vergleich Bundesrepublik und DDR nicht klar Demokratie und Diktatur auseinander halten. Sie haben zu wenig Kenntnisse von Systemen und ihrem jeweiligen Verhältnis zur menschlichen Freiheit. Sie weichen aus auf die unterschiedlichen Konsummöglichkeiten dort wie da: Einkaufen, Autos, Reisefreiheit da, günstige Mieten und soziale Rundum-Versorgung dort.

Ein Begriff von politischem System und seine tief reichenden Konsequenzen in Menschenbild, Daseinsform und politischer Ordnung ist kaum vorhanden.

Ist es Mangel an politischer Bildung? Oder ist eine Generation unpolitischer Zyniker herangewachsen, die über das, was für die Elterngeneration noch bestimmend gewesen war, der Ost-West-Konflikt, lächelnd und achselzuckend hinweggeht?

Den Autoren gelingt es, die erdrückende Materialfülle, welche die Erstveröffentlichung dieser Studie erbracht hatte, die Reaktionen auf Ergebnisse, Zuschriften und Kommentare zu durchforsten und dabei auf zentrale Phänomene zu stoßen. So fällt es Menschen schwer, das eigene Leben und seine äußeren politischen Umstände voneinander zu trennen und jeweils verschiedene Maßstäbe anzulegen:

"Die Lebensleistung des Einzelnen wird dem System gutgeschrieben, die negativen Seiten der DDR werden banalisiert oder marginalisiert. Jedes System habe Vor- und Nachteile, Stärken und Schwächen, die DDR ebenso wie die Bundesrepublik, so lässt sich die Position zusammenfassen."

Nachdem gelebtes Leben im Vordergrund steht und nicht angreifbar ist, bekommt unterschwellig und automatisch das politische System einen positiven Anstrich, eine Rechtfertigung. Hier hat offenbar die Zeit, die seit dem Mauerfall verstrichen ist, einiges geändert. Die Vergleichsfolie, wie die Autoren sagen, war früher der Westen; nun scheint sie heimgekehrt. Ist die DDR plötzlich die gute alte Zeit?

"Die ostdeutschen Kommentare zeigen deutlich, wie sich die bundesrepublikanische Gesellschaftsordnung, die zu DDR-Zeiten für sehr viele eine positive Vergleichsfolie zur DDR war, nun zu einer negativen entwickelt hat. Aus den Erfahrungen der letzten 19 Jahre ziehen offenbar viele Ostdeutsche den Schluss, die DDR sei nicht so schlecht gewesen, wie sie es Ende der 80er-Jahre empfunden hätten."

Von da ist es zur Geringschätzung einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft und zur Verharmlosung der sozialistischen Diktatur nicht mehr weit; denn Diktaturen kennen Schüler zu beiden Seiten nicht mehr. Freiheit ist auch nicht mehr ein begehrtes, vorenthaltenes Gut, sondern eine Selbstverständlichkeit, in die sie hineingeboren wurden. Anders lassen sich solche Ergebnisse nicht erklären:

Die zentralistische Planwirtschaft wird nur von einem Viertel der ostdeutschen Schüler und nur von der Hälfte der westdeutschen abgelehnt. Da bleibt eine enorme Zustimmung zu dem, was eine halbe Welt verheert hat.

Die Hälfte hält sogar die SED "legitimiert durch demokratische Wahlen".

Westdeutsche Schüler denken bei Stasi mehr an "Agentengeschichten à la James Bond" und nur die Hälfte der ostdeutschen wusste, dass die Stasi mehr war als ein üblicher Geheimdienst.

Die Autoren haben keine Scheu, bösartige Kritik an ihrer Studie einzufügen. Doch auch die nüchternen Kommentare des Leserpublikums machen traurig:

"Mit dem Fall der Mauer wurden die Bürger ins kalte Wasser geworfen. Die Familien wurden auseinander gerissen, weil die jungen Leute sich im Westen Arbeit suchen müssen. Die Arbeit ist stressiger und verlangt Leistung. Arbeit zu bekommen, ist Glückssache. Die Medien mit ihren Berichten zu Reichtum und Armut tun das Übrige und was bleibt, ist die Erinnerung an sorglose Zeiten."


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Oh wie schön ist die DDR
(Bild: Wochenschau Verlag)

Welche Gedanken kommen einem eigentlich bei der Lektüre dieses Buches - eines Buches voll gegenwärtiger Alltagsrealität. Aus ihm springen einen die inneren Defizite einer nur nach außen hin gelösten nationalen Frage an. Sie kommen hier wörtlich zum Vorschein. Es fehlte hier die große Konzeption nationaler Wiederfindung und Versöhnung. Europa- und Freiheitsbeschwörungen konnten das nicht aufwiegen.

Den Westdeutschen wurden die Reparaturkosten einer bankrotten zentralistischen Befehlswirtschaft verschwiegen, den Ostdeutschen wurden die Tücken des westlichen Liberalismus nicht ausreichend erklärt. Denn sie bekamen es mit der guten alten sozialen Marktwirtschaft gar nicht mehr zu tun. Längst waren der Globalismus und Imperialismus der Finanztransaktionen angebrochen und hatten die deutsche Arbeits- und Leistungsgesellschaft des Ludwig Erhard, die den Einzelnen noch brauchte, untergepflügt.

Wie heißt es doch so schön in einem Beitrag?

"Das Einzige, was im Osten wirklich funktioniert hat, waren die Menschen, die mit Fleiß und Wissen trotz Sozialismus zumindest innerhalb des Ostblocks den höchsten Lebensstandard erreicht hatten."

Es muss einen menschlichen Neuanfang geben statt eines rein ökonomischen, verwaltungstechnischen oder eines bloßen Herumdokterns an der politischen Bildung. Das Werk der beiden Schroeder würde dazu reichlich Stoff liefern.

Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: "Oh wie schön ist die DDR"
- Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie
205 Seiten Broschiert
Wochenschau-Verlag
Erschienen: Juli 2009
ISBN-10: 3899745388
ISBN-13: 9783899745382
Preis: EUR 14,80






. . . hier ist der Hörbeitrag



Lesart 13.09.2009

Sendezeit: 13.09.2009 12:30

Autor: Christian Rabhansl

Programm: Deutschlandradio Kultur

Sendung: Lesart

Länge: 29:25 Minuten


Text zum Beitrag: Kurz und kritisch


Quelle: http://www.dradio.de

,.-

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